Lebenslauf

 
 

Mein Leben, wie es bisher verlief

m 15.09.1961, so gegen 18:00 Uhr, ließ ein markerschütternder Schrei die Gänge der Geburtenabteilung der Marienstift Klinik in Braunschweig erzittern. Ich erblickte das Licht dieses wundersamen Planeten und wurde gleich zur Begrüßung geschlagen, als ich nicht sofort einen Laut von mir gab. Paradox, denn heute werde ich gemaßregelt und verprügelt, weil ich den Mund aufmache. Zugegeben, im Alter von drei Minuten konnte ich noch keinen Sarkasmus verbreiten, der an den Grundfesten unserer honorablen Gesellschaft zu rütteln vermochte.
Meine früheste Kindheit verbrachte ich damit, die kleine Welt im näheren Umkreis des elterlichen Eigenheims unsicher zu machen. Es war ein bescheidener Siedlungsbau, erschaffen von den unsteten, fleißigen Händen meiner Eltern und Großeltern, meines Onkels und meiner Tante. Das inzwischen umgebaute und erweiterte Haus steht noch immer in der langweiligsten Straße der langweiligsten Siedlung des langweiligsten Vororts von Braunschweig, wurde noch eine Zeit lang von meiner Schwester und meinen Neffen bewohnt, bis es veräußert werden musste. Langweilig war es auch damals schon, als ich mit euphorischer Begeisterung entdeckte, dass die Heckpaddel hinter meinem Auspuff einen aufrechten Gang ermöglichten, und Gelegenheit zu so manchem Schabernack bot.
Ab dem Zeitpunkt war nichts mehr langweilig, und vor Frank Adlung nicht mehr sicher. Ich war ein wissbegieriger kleiner, schmächtiger Kerl, der allem und jedem auf den Grund fühlen musste. Es lag in meiner Natur, auszutesten, nach dem wievielten Angriff aus dem Hinterhalt die täglich aufkreuzende Postfrau nicht mehr sofort vor Schreck vom Fahrrad fiel. Es war mir wichtig zu erfahren, welchen heimlichen Wortschatz mein Großvater aus dem Krieg mitgebracht hatte, indem ich seine Gummistiefel in der Nacht mit kaltem Wasser füllte, oder den Kellereingang mit frisch gefallenem Schnee zuschaufelte. Und es bereitete mir unheimlichen Spaß, meine Mutter mit einem Eimer Wasser auf der angelehnten Tür davon abzuhalten, mein unaufgeräumtes Zimmer zu kontrollieren.
Ich habe noch zwei jüngere Schwestern, die an dieser Stelle sicher das Bedürfnis hätten, einige Possen aufzuzählen, die ich aus Eigenschutz ausgelassen habe. (Wann verjährt eigentlich ein Angriff mit selbstgebastelter Feld- Artillerie auf des Nachbars nackte Heckgalerie?)
Einen großen Bruder habe ich auch noch, der zwar jünger ist, aber größer als ich, und erfolgreicher. Er war das Nesthäkchen unserer Sippe. Als meine Geschwister zu laufen begannen, wurden sie automatisch zu den bemitleidenswerten Opfern meiner eulenspiegelhaften Späße. Ab diesem Zeitpunkt liefen sie nur noch - meist in Sicherheit. Unsere Eltern ermöglichten uns unter manchen Entbehrungen ein wohlbehütetes Aufwachsen. Materiell waren wir niemals wirklich reich, aber wir konnten es uns leisten, gut zu leben. Sogar ein dreiwöchiger Urlaub in Dänemark gehörte zu unserem kleinbürgerlichen Standard. Ich hasste Dänemark. Meine Geschwister liebten es. Doch ich verabscheute den täglichen Gang zum Strand. Sandige Dünen, kalter Wind, eine Fläche festgepressten Sandes und dann Wasser. Wohin ich auch zu blicken vermochte: Wasser und nichts als Wasser. Die einzige Abwechslung boten die Wolken am Himmel und die Feuerqualle auf der Badematte meiner Schwester, die freilich ganz von allein die zwanzig Meter vom Meer über den Strand zurückgelegt hatte.
Einziger Trost und Hoffnung boten mir die schönen Zeiten in den Bergen. Das Allgäu und Tirol waren für mich als Kind bald das wahre Zuhause geworden. Der Schmerz, diese vermeintlich heile Welt wieder verlassen zu müssen, sitzt bis heute tief.
Eingeschult wurde ich in unserem langweiligen Dorf, das mir außer frischen Früchten im Sommer und Hamster fangen im Herbst nicht viel bieten konnte. Ach ja, mit unseren Fahrrädern bewältigten wir im nahe gelegenen "Pawelschen Holz", einem Wäldchen, regelmäßige Steilwandrennen in den vom letzten Krieg übrig gebliebenen Bombentrichtern, die nicht selten mit Wasser gefüllt waren. Im Frühjahr 1968 war für mich das freie Leben, wie man es noch von Tom Sawyers kennt, zu ende. Ich war sehr ehrgeizig und erfolgreich in allen Fächern, die ich interessant fand. In den anderen stinkend faul und mit dementsprechend mangelhaften Leistungen! Diese Beobachtung machten meine Eltern und Lehrer während meiner gesamten Schullaufbahn. In Geschichte, Geografie und Deutsch konnte ich meine Phantasien ausleben, in Mathematik, Religion und Biologie wurden sie eingeschränkt. Physik und Chemie lagen irgendwo dazwischen und wurden von mir nur dann einer genaueren Möglichkeitsbetrachtung unterzogen, wenn es darum ging, einen effektvollen Streich gegen den meckernden Alten von nebenan auszuhecken.
Ich hätte super gut sein können, in der Schule, sagten alle. Doch ich war ein unbequemer Träumer, der sich schon in der Jugend dazu verleiten ließ, in seinen Phantasien die Welt verbessern zu wollen. Nein, halt. Nicht die Welt, sondern meine Welt!
In meiner Welt wurde der Himmel verhangen, als ich in die Ausbildung kam. Mein Vater war Stuckateur, inzwischen Meister und selbständig. Mir als dem ältesten Sohn war nahe gelegt worden, in seine Spuren zu treten, die mir lange Zeit so groß wie Elefantenfüße erschienen. Doch in einer Lebensphase, in der ich selbst nicht so recht etwas mit mir anzufangen wusste, kamen mir achthundertfünfzig Mark im ersten Lehrjahr wie ein Lottogewinn vor. Plötzlich war ich der "King" unter Meinesgleichen. In welchem Beruf gab es schon so viel Geld im ersten Lehrjahr?
Der strahlende Geldkomet am Himmel verblasste jedoch bald. Ich gewann die Erkenntnis, dass mich meine Bautätigkeit zumindest geistig nicht so ausfüllte, dass ich ein Erfolgserlebnis verspürte. Tagein, tagaus in einer Baukolonne von geistig phlegmatischen, gebeugt dahinlatschenden Altgesellen zu verbringen, deren allmorgendliches Lieblingsthema über Sex, Alkohol und Fußball nicht hinausreichte, erfüllte mich nicht. Ich war in eine Welt von Halbprimaten gestolpert, in die tiefste Kreidezeit! Ich muss etwas ändern, dachte ich... Dachte ich auch nur, denn abends war ich zu müde, um tatsächlich etwas zu ändern und morgens fand ich mich, kaum erwacht, im gleichen Urreich der Trolle wieder.
Ein trolliger Teufelskreis begann, aus dem ich nicht ausbrach, weil ich entweder nicht den Mut dazu hatte, oder zu bequem dazu war. Dennoch machte mir meine Arbeit Spaß. Als Stuckateur stellte ich Bauteile her, die nun nicht gerade alltäglichen Charakters waren. Mit meinen Händen etwas sichtbares schaffen, und es nach Abschluss selbst bewundern zu können, gefiel mir. Der Beruf, den ich gewählt hatte, war zweifelsohne etwas Besonderes.
Zu dieser Zeit lernte ich Janine kennen, meine erste große, richtige, feste, und wirkliche Liebe. Sie ließ plötzlich die Sonne auf zementgraue, feuchte Verputzwände scheinen. Sie erhellte mich innen und außen. Ihr frohes Wesen ergriff das meine und trug es mit sich ins Licht. In ihr erkannte ich die strahlende Lebendigkeit, die mir in kalten, zugigen und düsteren Rohbauten abhanden zu kommen drohte. Mit ihr wähnte ich mich auf dem Höhepunkt meines Lebens. Sie garantierte mir plötzlich den Spaß, um den ich andere Jungens beneidete. Sie stiftete mich zu Taten an, über die ich davor nicht einmal nachgedacht hatte. Sie fand es superwitzig, der alten, neugierigen Nachbarin von oben, eine fette Spinne vor den Türspion zu hängen. Sie machte sich nicht die Bohne etwas daraus, sich auf dem Wochenmarkt beim Warentesten genüsslich den Bauch vollzuschlagen, weil sie wieder einmal pleite war. Sie brachte es sogar fertig, den von ihrem Nachbarn bestellten Pizzabäcker im Treppenhaus abzufangen, um unseren romantischen Abend zu retten.
Leider verfolgt das Schicksal oft seine eigenen Pläne. Janine bekam Leukämie. Ein Jahr lang kämpften wir gemeinsam gegen einen übermächtigen, unsichtbaren Feind an. Danach war ich allein. Ich war nicht wirklich allein, denn ich hatte immer noch meine Familie, doch niemand konnte mir das ersetzen, was Janine mir gegeben hatte.
Auf der Suche nach dem Sinn solcher Schicksalsentscheidungen wurde ich zum Eremit. Ich ging mit einer unendlichen, inneren Leere meiner Arbeit nach und lebte nur noch für das Wochenende, an dem ich in den Bergen der Westalpen oder im Granit des Harzes herumstieg, immer auf der Suche nach etwas, von dem ich selbst nicht wusste, was es war. Fast fünfzehn Jahre lang geisterte ich ruhelos über die Walliser Bergwelt. In dieser Zeit lernte ich. Oder anders: Die Natur dieser Hochgebirgswelt brachte mir bei, das Leben wert zu schätzen, so einfach, bescheiden und hart es auch sein mochte. Lernen konnte ich auch etwas über Menschen. Da waren diese, die mit alpinen Heldentaten prahlten, die ich aber sich nicht hundert Meter von der Seilbahnstation entfernen sah. Es gab auch jene, die ich anfänglich für verschlossen und unfreundlich hielt, die aber spektakuläre Rettungseinsätze leiteten, und sich für den Erhalt des lebensraums Hochgebirge einsetzten, als wäre es etwas ganz alltägliches.
Zwischendurch wurde ich zum Wehrdienst in die Bundeswehr eingezogen. Eine völlig neue Welt tat sich mir auf. Alle Regeln über menschliches Verhalten und Vernunft sah ich über Nacht in den Heidesand getreten. Im Standort Wesendorf, im Gifhorner Land, beinahe schon in der Heide, fand ich sehr schnell heraus, wie Erika von unten aussieht. Nein, lieber Leser, eine neue Freundin lernte ich hier nicht kennen. Gemeint ist das Heidekraut, welches den gleichen Beinamen trägt. Das erste Wichtige, das wir laut unserem lauten Kompaniefeldwebel zu lernen hatten, bestätigte mir den Abstieg von der Kreidezeit in die Ära des Jura: Wenn ein Offizier steht, sitzt der gemeine Soldat, sitzt jedoch der Offizier, so hat der Rekrut zu liegen, sollte der Offizier liegen, hat sich der Soldat einzubuddeln. Ich war in einer Epoche gelandet, in der sich selbst die Saurier steinalt vorgekommen wären. Für eineinhalb Jahre wurde ich in einen schmuddelgrünen Anzug gesteckt und meine Vorgesetzten versuchten mit Hingabe die mühevolle Erziehung meiner Eltern durch primitiven Dackelgehorsam auszutreiben. Mein Körper fügte sich auch so gut es ging, doch an meinem Geist bissen sich die Herren mit den Punkten auf Ärmeln und Schultern die Zähne aus. Ich hatte bereits meine eigene Ansicht über Leben und Tod. Und die sah in den Grundprinzipien doch ein wenig anders aus. Bei diesem Verein hörte ich zum ersten Mal davon, dass östlich von Wolfsburg ein böser Feind lauert, bereit, jederzeit über unser friedliches Deutschland herzufallen. Welch eine Erkenntnis! Denn bis dahin glaubte ich einfältiger Mensch, dass auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls deutsche Bürger lebten.
Nach der Zeit von sinnlosem Befehl und blindem Gehorsam stieg ich erneut auf die Berge. Weiter und höher als jemals zuvor. Wer mich beobachtete, konnte vermuten, ich sei auf der Suche nach Gott selbst. Und so falsch war das auch gar nicht. Antworten waren es schon, die ich suchte. Mit Freunden oder allein bestieg ich fast alle Vier- und dreitausender Gipfel der Westalpen, stürzte fünf mal ab, davon einmal sehr schwer, geriet zweimal in eine Lawine, wurde oft von Kameraden gerettet und half auch einige Male Anderen ins Leben zurück. Eisige Kälte, steinharte Schlafstätten, brüllende Stille und tagelange Einsamkeit wurden zu meinen Begleitern. Doch auch Interessantes lernte ich kennen. Ich erlebte eine Dame, die auf Stöckelschuhen auf die Blümlisalp stieg, sah eine ostdeutsche Familie beinahe für immer in einer Gletscherspalte verschwinden, versuchte mit Kameraden vergeblich eine spanische Seilschaft aus einem Schneesturm zu retten, weil das weibliche Mitglied der Gruppe unsere Köpfe verdreht hatte. Engel sah ich zwischen Felsen wandeln, und als rote Flugmaschinen Menschenleben retten. Ich schlief mitten unter einer Herde von Steinböcken und pflanzte Edelweiß auf Alpwiesen, wo sie inzwischen ausgestorben waren. Sogar Gold habe ich gesucht und gefunden. Leider reichte es nicht aus, um reich zu werden. Meinen Reichtum erlangte ich in anderer Form: Eine über zehn Jahre lange, sehr bewegte Zeit, die mein Verständnis für das Leben prägte.
In dieser Zeit begann ich zu schreiben. Ich fing an, mein eigenes Leben aufzuarbeiten, in kleine Chinakladden hineinzuschreiben. Fünftausend Seiten DIN A 5 schrieb ich voll. Nein, ich schrie sie voll! Alles, was in mir war, was in meinem inneren Überdruck gefangen war, brüllte ich mit dem Kugelschreiber in diese endlosen Seiten. Meine Ängste, meine Gefühle, meine Wut und auch die wiederkehrende Lebensfreude brach wie ein Lavastrom aus meinem Vulkankopf und ergoss sich auf das Papier der seidengebundenen Bücher. Die "Berge zur Selbsterkenntnis" waren geboren. Aber das ahnte ich noch nicht. Doch schon damals gaben meine besten Freunde den Denkanstoß für eine Publikation: Mach doch mal ein Buch...!
Nach dem Fall der innerdeutschen Mauer lieierte ich mich erneut - mit einer zehn jahre jüngeren Frau aus einem gottverlassenen, unbekannten Dorf nahe Bernburg, das den Abzug der sowjtischen Roten Armee eben erst hinter sich gebracht zu haben schien. Ich glaubte fest an eine neue, ganz große Liebe, aber anfänglich viel es mir schwer, innerlich meine Viertausender Bergtouren loszulassen. Ich begann ruhiger und etwas seßhafter zu werden, fing an meine Tagebücher in eine Lebenserzählung zu verwandeln und überschrieb meine aufgearbeiteten Sorgenbüchlein mit dem klangvollen Titel "Berge zur Selbsterkenntnis". Nebenbei entdeckte ich, dass ich ein wenig Talent besaß, meine Empfindungen und Erfahrungen in Verse zu fassen. Ich begann mit dem Schreiben von Reimen und Gedichten. Ich gab der Ansammlung meiner Prosa den klangvollen Namen "Die Sternenlade". Bald ließ ich die weißen Berge endgültig los, um mich nach fünf Jahren an die Liebe meines Lebens zu klammern, die allerdings nun mich loslies, um sich ihrerseits einem anderen Partner zuzuwenden. So losgelassen von Allem und auf den Geschmack des Loslassens gekommen, ließ ich nun endlich auch meinen Job los.
Über den zweiten Bildungsweg kämpfte ich mich durch viele Hindernisse und erneute Schicksalsschläge hindurch (ich verlor plötzlich und unerwartet meinen Vater) zum unnahbaren Ziel einer Umschulungsmaßnahme. In mir entwickelte sich eine Dynamik, die ich bis dahin von mir nicht kannte. Und es machte Spaß, neben siebzehnjährigen jungen Frauen erneut mit dem schulischen Lernen zu beginnen. Erfolgreich bestand ich die Prüfung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Eine kleine Druckerei in Peine, fast schon ein Familienbetrieb, wurde mir zur neuen Erfüllung. Unter einem fast väterlichen Chef fiel es leicht, mich voll zu engagieren und mir neue Ziele zu setzen. Eines dieser Ziele, meine "Berge zur Selbsterkenntnis" und meine Gedichte zu publizieren rückte mit dieser Umschulung in greifbare Nähe. Zu lernen, wie man Bücher und andere Drucksachen produziert, stellte sich halt nicht nur als berufliches Ziel heraus. An meinem neuen Beruf gewann ich große Freude. Wieder tat ich etwas, das mir nach getaner Arbeit ein Produkt bescherte, das ich stolz anfassen und anschauen konnte, in dem Bewusstsein, etwas dazu beigetragen zu haben. Leider musste der Inhaber dieser kleinen Druckerei das Geschäft aus gesundheitlichen Gründen an einen jüngeren Nachfolger übergeben, der es in rücksichtsloser und rekordverdächtiger Schnelligkeit in Grund und Boden wirtschaftete. Dank des beispiellosen Engagements des dort beschäftigten Druckers lebt das Unternehmen bis heute weiter, was in dieser Zeit Bewunderung verdient.
Mitten hinein in all meine neuen Pläne und meinen neuen Beruf platzte das Schönste, was einem Mann passieren kann: Die Liebe! Sie trat plötzlich, als ich schon nicht mehr daran glaubte, wie ein herrlicher Komet in die Atmosphäre meines Lebens ein und brachte mir das zurück, was ich mit meiner ersten großen Liebe verloren hatte. Diese Frau, für die ich von da an fast alle meine Gedichte schrieb, gab mir das, was ich bei vergangenen Beziehungen vermisst hatte: Eine feine, sensible Schönheit, die sie nicht nur nach außen trug, sondern auch in ihrem warmen Herzen bewahrte. Diese Liebe, die ich einem kleinen Braunschweiger Café und einer guten Freundin verdankte, war mir das Wertvollste geworden, das ich mir überhaupt vorstellen konnte. Sie war es, der ich bedingungslos vertraute. Ihre Kritik für alle meine neuen Werke stand vor allen anderen. Sie war das wunderschöne Produkt ihres griechischen Vaters und ihrer deutschen Mutter. Und auch ihre drei Kinder, die regelmäßig Lebendigkeit in unseren Alltag brachten, wurden eine willkommene Bereicherung meines bis dahin eher stillen Lebens. Ein Dasein ohne diese Frau und ihre Kinder konnte ich mir fortan nicht mehr vorstellen. Sie zeigte mir Ihre griechische Heimat, in der sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Für mich wurde damit die Tür zu einer neuen Welt aufgestoßen, die ich bis dahin nur aus Prospekten kannte. Mediterrane Lebenskultur und -freude, warmes, klares Meerwasser, so viel Sonne und strahlende Helligkeit, dass ich fast daran erblindete. Ich flog in eine laute, lebendige Welt, die mich selbst in ihrem Alltag schwer beeindruckte und meine Ansicht über Europa neu gestaltete. Mir schwante, dass sich nach dem Einzug des Euro in den EU- Staaten ein schleichender Wandel anbahnte, der die südlichen Staaten zum Lebensraum der High Society erhob und den Norden, Deutschland inbegriffen, immer mehr zum Entwicklungsland mit den Eigenschaften einer ehemaligen DDR abdriften ließ.
Inzwischen war auch ich, wie viele Andere, (mit zwei abgeschlossenen Berufsausbildungen!!!) beschäftigungslos geworden und die allgemeine wirtschaftliche Lage in Niedersachsen ließ nicht gerade überschwängliche Hoffnung auf eine neue Arbeitsstelle zu. Es verwunderte mich immer mehr, in verantwortungsvollen Positionen und Stellungen Leute sitzen zu sehen, die lustlos, perspektivlos und mit purer Unkenntnis bezüglich ihres Faches geschlagen, einen Arbeitsplatz besetzten, während Menschen, die dynamisch und kreativ noch etwas bewegen wollen, in das Massengrab der Sozialfälle geworfen wurden, weil sie die Vierzigjahregrenze knapp überschritten hatten. Der Horizont dieser Entwicklung ist wohl noch nicht abzusehen. Nur bei der Regierung des Landes, in dem ich lebe, kann ich mit einem Blick erkennen, wo sich der Horizont befindet...
Irgendwann hatte ich wieder eine feste Arbeit gefunden und war seither im Bereich des Klinikservice in einem großen Braunschweiger Krankenhaus tätig. Die Frau meiner Träume, die mir trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge mit ihrer Lebensfreude ihre vermeintliche Liebe schenkte, gab mir auch weiterhin die Kraft und den Mut, immer wieder etwas zu bewegen, auch wenn ich als Einzelner nur wenig bewegen konnte. Nur mit ihr, glaubte ich den Gipfel der "Berge zur Selbsterkenntnis" erreichen zu können. Glaubte ich auch nur!
Denn nach einigen Jahren, ganz unerwartet, inzwischen hatte ich meinen Roman "Das Geheimnis von Val Mentiér" begonnen und den ersten Band beinahe fertig gestellt, fiel der Frau meiner Träume unvermittelt ein, was alles im Leben sie verpasst zu haben glaubte. Sie fühlte sich nicht mehr geliebt, von dem Mann an ihrer Seite, der sein Leben für sie gegeben hätte und mit ihr noch so viele schöne Ziele erreichen wollte. Vielleicht waren wir zu verschieden, meine Traumfrau und ich. Möglicherweise hatte ich selbst aus zuviel Fürsorge um sie und Angst, sie jemals zu verlieren, das Wesentliche in unserer Beziehung vernachlässigt. Vielleicht... Sie ging einfach, mit den Worten, "...wir können ja Freunde bleiben". Und ich verlor über Nacht eine ganze Familie! Plötzlich ganz allein auf der Welt...
In meinem Roman, den ich 2008 begonnen hatte, schrieb ich von Treue, Ehre, von Mut und Liebe, von Verzeihen und Vertrauen. Aber gab es die denn noch auf dieser Welt? War ich einem Irrtum aufgesessen? Schrieb ich etwa von einer Lüge? Gab es wirklich nirgendwo auf dieser Welt eine "Antarona", eine Frau, der diese Werte noch etwas bedeuten, die mit einem Mann, der ihr sein Herz zu Füßen legt, ein Leben zu teilen bereit war, ohne ihm seine kleinen Ecken und Kanten abschleifen zu wollen, die bereit war, auch Kompromisse in einer Beziehung zuzulassen? Eine Frau, die noch weiß, was wirkliche Liebe bedeutet? Möglicherweise. Manchmal dachte ich, dass ich sie tatsächlich nie gefunden habe. Und immer mehr glaubte ich, es würde für mich nur ein wunderschöner Traum bleiben, der in die Seiten meines Romans fließt, dort versickert und den ich eines Tages mit ins Jenseits nehmen werde, weil die Menschen dieser Welt verlernt haben, ihn zu träumen, zu leben und zu schätzen!
Aber vielleicht.., irgendwann.., in ferner Zukunft... Vielleicht wird irgendwann einmal eine Frau mein Buch als ein Vermächtnis finden, vergilbte Blätter eines alten Manuskripts, und sich der Werte erinnern, die in seinen Seiten leben. Wenn sie dann einem Mann die Treue hält, ihn auch mit seinen Fehlern liebt, so, wie er ihre akzeptiert, und diese Werte an ihre Kinder weiter gibt.., dann... Ja, dann haben all meine Lebenserfahrungen, die schönen, aber auch die sehr traurigen, einen Sinn gehabt!
Mir blieb nur meine erdachte Geschichte. Die wahre Liebe, die Träume, die vielen Hoffnungen, für die ich gelebt, gekämpft, für die ich gefroren und geweint, die ich erfahren und gehegt hatte, ergossen sich nun als Tränen des Herzens in die vielen hundert Seiten meiner Dichtung. Sie erlebte ich nun noch einmal in der Geschichte von Antarona Holzer und Sebastian Lauknitz.
Meine eigenen Erfahrungen, die sonnigen und die finsteren, strömten und flossenen in die Zeilen meines Romans und prägten ihn authentischer und wieder ein Stück mehr auf das wirkliche, gnadenlos schöne und grausame, aufregende Leben. Und mehr noch: Als Autor flüchtete ich mich zuweilen hinein, in meine eigene erdachte Welt, mochte meiner Trauer, meiner Sehnsucht und meinen Entbehrungen entfliehen, versuchte mich in der Romanze zwischen Antarona und Sebastian wiederzufinden. Freilich lange Zeit vergeblich. Aber manchmal, in leeren, einsamen und kalten Stunden und langen Nächten, lebte ich sie ein wenig mit, ihre wunderbare Liebe, wenn ich sie selbst erdachte, weil sie für mich ein Stückchen Sehnsucht war und vielleicht ein wenig Hoffnung, weil ich meine verlorene Liebe und die schöne Erinnerung daran in Antarona und Sebastian festhalten wollte, wie einen letzten Schilfhalm vor dem Wasserfall...
Nach vielen Missverständnissen, wieder Zusammenkommen, erneuten Trennungsgedanken und soundso vielen Krächen, wurden zwei Menschenwesen endlich geläutert, und haben nach 17 Jahren für immer zusammengefunden. Ich habe nun meine Prinzessin treu an meiner Seite, eine wundervolle Frau, und eine wunderbare Familie. Und so haben wir uns getraut, im September 2018 in der schönen Allgäuer Stadt Füssen zu heiraten. Reichtum und Wohlstand sind leider ausgeblieben, dafür segnet uns eine einigermaßen stete Gesundheit unter der Last einer regelmäßigen, rechtschaffenden Arbeit im sogenannten Niedriglohnsektor. Trotzdem bleiben noch zwei oder drei Stunden in der Woche, um diese Seiten und ihre Traumwelt immer wieder ein Stückchen wachsen zu lassen...


Das Geheimnis von Val Mentiér

für mein Sternchen

Ich träumte.., und ich sah dich!
Ich wachte.., und ich sah dich!

Ich begann zu schreiben.., und ich sah dich!

Ich lese meine eigene Geschichte.., und ich sehe unser Leben,
dass uns vom Schicksal doch nie gegeben.


Frank Adlung im Herbst 2018

   
     
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